© Sabine Petritsch

Sabine Petritsch

Dienstag, den 17. Jänner 2017 um 19:00 Uhr

ÖKUMENISCHER GOTTESDIENST am Tag des Judentums

In der Evangelischen Heilandskirche, Kaiser-Josef-Platz, 8010 Graz. Auszug aus der Predigt von MMag. Hermann Miklas finden Sie hier.

Die Gerechte wird durch ihren Glauben leben

Predigt: MMag. Hermann Miklas, Superintendent der Evangelischen Kirche in der Steiermark und Vorsitzender des Ökumenischen Forums christlicher Kirchen

Im Anschluss an den Gottesdienst wird herzlich zur Agape eingeladen!

Das Ökumenische Forum christlicher Kirchen in der Steiermark
Die Evangelische Pfarrgemeinde Heilandskirche
Die Römisch-Katholische Pfarre Graz Herz-Jesu
Das Grazer Komitee für christlich-jüdische Zusammenarbeit


Auszug aus der Predigt am Tag des Judentums (2017)                                         
von Hermann Miklas 
„Die Gerechte wird durch ihren Glauben leben“

…  Unabhängig davon, dass wir uns menschlich gut verstehen, dürfen wir nicht vergessen, dass Juden und Christen zu den gemeinsamen Wurzeln doch sehr unterschiedliche Zugänge haben. Etwas plakativ gesagt: Für Juden sind wir Christen jene, die sich von ihnen getrennt (abgespalten) haben. Man kann lange darüber diskutieren, ob die Christen gegangen sind – oder gegangen worden sind – Faktum ist: Es war ein langer und schmerzlicher Trennungsprozess. Und die jüdische Haltung dazu war letztlich: Reisende kann man nun einmal nicht aufhalten.
Ziemlich ambivalent ist es für Juden allerdings, dass das Christentum beim Weggehen „ihr“ heiliges Buch einfach mitgenommen und gewissermaßen christlich vereinnahmt hat, indem sie es zum „Alten“ oder „Ersten“ Testament erklärt – und ein „Neues“ bzw. „Zweites“ Testament daneben gesetzt haben. In diesem Licht ist zu verstehe, dass die Botschaft „Wir verdanken uns doch alle der gleichen Wurzel, wie schön! Liebe Jude, kommt, und feiert mit uns!“ auf jüdischer Seite nicht nur ungetrübten Enthusiasmus auslöst, sondern eher Nachdenklichkeit.
Ein strukturell ähnlicher Konflikt hat sich 1500 Jahre später mit der Reformation wiederholt, auch wenn die Dinge dort in mancherlei Hinsicht völlig anders liegen. Wiederum kann man darüber streiten, ob die Evangelischen von der Katholischen Kirche gegangen sind oder gegangen worden sind, es war jedenfalls ein ebenso schmerzlicher Trennungsprozess. Und es ist kein Zufall, dass vor ein oder zwei Jahren in Deutschland die erste Reaktion von katholischer Seite auf die Einladung, das Reformationsjubiläum doch ökumenisch zu feiern, in die Richtung gegangen ist: Wir wissen eigentlich nicht, was es da zu feiern geben soll bei einer Kirchentrennung. Schon gar nicht für uns…
In beiden Fälle allerdings gibt es gute Gründe, im 20. Und 21. Jahrhundert diese alten Animositäten zu überwinden: Im Verhältnis zwischen Juden und Christen hat spätestens der Holocaust gezeigt, zu welch schrecklichen Verirrungen eine radikale Abgrenzung führen kann und dass es für beide Seiten gut ist, sich der gemeinsamen Wurzel wieder stärker bewusst zu sein. – Und im Fall zwischen Katholiken und Protestanten hat sich gezeigt, dass sich beide Seiten im Lauf der Jahrhunderte weiter entwickelt haben (einige Streitpunkte des 16. Jahrhunderts haben sich mittlerweile gelöst, andere sind als Missverständnisse enttarnt – und die verbleibenden Unterschiede müssen nicht zwangsläufig als Gegensätze verstanden werden, sondern lassen sich auch als Ergänzung begreifen). Miteinander haben wir entdeckt, dass es im Gegenüber zu einer immer säkularer werdenden Welt unseres gemeinsamen Glaubenszeugnisses bedarf.
Doch bleibt der Auftrag zu größtmöglicher Sensibilität im Umgang miteinander. Es gilt, die Unterschiede nicht einfach zu verwischen, sondern wert zu schätzen. Denn auch zu innige Umarmungen können Beklemmung auslösen – und die Perspektive der Verlassenen ist naturgemäß stets eine andere als die der Verlassenden.  

Das ist das Umfeld, in dem wir heute einen Text betrachten, der

  • sich das erste Mal beim Propheten Habakuk im Alten (Ersten) Testament findet,
  • dann vom Apostel Paulus im Neuen (Zweiten) Testament aufgegriffen wird,
  • der drittens einen entscheidenden Anstoß zur Reformation Martin Luthers gegeben hat
  • und viertens in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts noch einmal leicht modifiziert wurde.

Wir fragen: Worin besteht die Kontinuität? Wo aber liegen auch die Brüche im Verständnis dieses Textes?
1.)  Der Prophet Habakuk war ein Zeitgenosse Jeremias (um 610 vor Chr.). Die politische Grioßwtterlage im Nahen Osten war dramatisch… Israel hat fataler Weise auf einen Bund mit den bereits im Absteigen begriffenen Assyrern gesetzt – gegen die beiden Aufsteiger Ägypten und Babylon. Das war zwar ein schwerer politischer Fehler, das Volk aber hat sich dadurch in falscher Sicherheit gewiegt und sorglos ein ausschweifendes Luxusleben geführt. Insbesondere Habakuk hat die Dekadenz der Hauptstadt scharf angeprangert: „Barbarei und Gewalt ist vor meinen Augen. Man geht vor Gericht und zerstreitet sich. Die Ungerechten umzingeln die Gerechten…“ Am schlimmsten war für Habakuk dabei die persönliche Anfechtung im Verhältnis zu seinem Gott: „Wie lange schon rufe ich um Hilfe? Du aber hörst nicht!   Verbrechen, Verbrechen, schreie ich – aber du schaust dem Elend unbeteiligt zu…
Nach langem Schweigen dann endlich eine Antwort Gottes: „Lass den Mut nicht sinken. Schreib deine Vision auf für später. Auch wenn´s noch lange dauert, verlass dich drauf, ich werde eingreifen. Und dann wird sich zeigen, wie unaufrichtig das Leben der Aufgeblasenen ist, es wird dahinschwinden. Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben!“ – Dieser letzte Satz wird in der jüdischen Tradition bald zu einem geflügelten Wort. Oft zitiert. Und auch immer wieder diskutiert. Die Betonung liegt dabei auf: „Der Gerechte wird leben!“
Dazu noch eine kleine Anmerkung: Der „Gerechte“ (zaddik) ist im Judentum ein fest geprägter Begriff – bis heute. Der Gerechte ist der, der auch in Anfechtung nicht wankt, sondern treu zu Gott und seinen Geboten steht. Sein Glaube – oder man kann auch übersetzen: seine Treue) wird belohnt: Er wird leben.
2.)  Rund 670 Jahre später nimmt der Apostel Paulus diesen Satz in seinem Brief an die Römer wieder auf. Paulus, der einstige jüdische Eiferer und nunmehrige Vordenker des Christentums. Er greift auf das geflügelte Wort des Propheten Habakuk zurück und verwendet es als Schriftbeweis für seine Theologie (die christliche natürlich). Er zitiert übrigens nicht aus der Septuaginta, nein: Der gelehrte Paulus übersetzt selbst. Ganz exakt! Er ist schon noch zu Hause in seiner hebräischen Bibel…Viel schon ist er in der Welt herumgekommen. Und das Evangelium von Jesus Christus hat sich aus seiner Sicht überall bewährt. Darum hat Paulus jetzt auch vor der mondänen Welt der Hauptstadt des Römischen Reiches keine Angst: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht – auch nicht am Mittelpunkt der Welt! Denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die daran glauben. Die Juden zuerst (!), aber ebenso die Griechen. Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart – aus Glauben zum Glauben. Wie es schon in der Schrift heißt: Der Gerecht wird aus Glauben leben!“
Dazu wieder drei kleine Anmerkungen: Der „Gerechte“ ist hier kein fix definierter Begriff mehr, sondern ergibt sich einfach als sprachliche Fortentwicklung des vorangehenden Satzes. Und gerecht ist, wer an die rettende Kraft des Evangeliums glaubt. – Nicht erst bei Paulus, sondern schon seit den Schriften von Qumran wird die „Gerechtigkeit Gottes“ übrigens nicht mehr so sehr als eine urteilende, bzw. richtende verstanden als vielmehr als eine zugeteilte. – Besonders spannende aber ist es natürlich zu schauen, ob sich aus dem Wechsel des hebräischen Wortstammes „aman“ (für glauben) zum griechischen „pisteuo“ womöglich ein Bedeutungswandel ablesen lässt.
Nun: Das hebräische „aman“ (von dem sich auch das bekannte Wort „amen“ ableitet) meint vor allem: Treue und Beständigkeit, beim griechischen Wort „pisteuo“ hingegen liegt der Akzent stärker auf dem Vertrauen. Kein großer Unterschied also, aber doch um eine Nuance anders: Der Gerechte wird durch seine Treue leben – oder: Der Gerechte wird durch sein Vertrauen leben. Außerdem verschiebt sich die Betonung des ganzen Satzes von „Der Gerechte wird leben“ stärker hin zum Zusatz „durch seinen Glauben“.   
3.)  Wieder machen wir einen großen Sprung. 1450 Jahre später seitzt der Mönch und Theologieprofessor Martin Luther in seiner Studierstunde und bereitet eine Vorlesung über den Römerbrief vor.
Ähnlich wie Habakuk ist Luther einer, der mit Gott ringt. Wenn auch aus anderen Gründen. Ihn treibt schon lange die Frage um: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? – So bleibt er in seinen Vorbereitungen beim Stichwort „Gerechtigkeit Gottes“ und beim Habakuk-Zitat hängen. Wieder quält ihn die alte Frage: Wer kann denn vor Gottes Gerechtigkeit überhaupt jemals bestehen? – Doch plötzlich fällt es ihm wie Schuppen von den Augen: Der Gerecht wird durch den Glauben leben! M.a.W.: Es gilt einfach, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt, voller Vertrauen anzunehmen!
Aber passt denn das auch grammatikalisch? Ja, wenn man „Gerechtigkeit Gottes“ nicht als Genetivus Subjektivus liest (also als Eigenschaft Gottes), sondern als Genetivus objektivus – eine im Griechischen wie auch im Lateinischen sehr häufig verwendete Konstruktion. Für Luther war diese Entdeckung der entscheidende Durchbruch in seiner Theologie. Bis zum Verfassen seiner 95 Thesen sollte dann zwar noch etwas Zeit vergehen, aber das „sola fide“ hat in dieser Stunde in Luthers Kopf Gestalt gewonnen. Auch dazu nochmals drei kurze Anmerkungen: Die Betonung des Satzes ist nun voll und ganz auf das „durch den Glauben“ gerutscht – Wie schon bei Paulus ist auch bei Luther „der Gerechte“ nicht mehr der alte hebräische Zaddik, sondern der, der die Gerechtigkeit Gottes erfahren hat. – Und sogar deutlicher noch als bei Paulus ist für Luther der Gerechte eigentlich der von Gott gerecht Gesprochene.
4.)  In einem allerdings unterscheiden sich Habakuk, Paulus und Luther keinen Deut voneinander. Alle drei verwenden sie ganz unreflektiert und ungeniert nur die männliche Form – so, als ob „die Gerechten“ immer nur lauter Männer wären. Darum hat das Grazer Komitee für christlich-jüdische Zusammenarbeit beschlossen, die Überschrift über den heutigen Gottesdienst demonstrativ in die weibliche Form zu gießen: „Die Gerechte wird durch ihren Glauben leben“. – Über das (legitime) Anliegen der Gendergerechtigkeit hinaus hat das auch symbolische Bedeutung, denn es erinnert uns daran, dass jede Zeit ihren eigenen Blick auf alte Texte werfen muss.
Und wir werfen heute Abend nun abschließend noch einen Blick in die „Bibel in gerechter Sprache“, die dieses Anliegen ja teilt. Sie übersetzt die Habakuk-Stelle (sehr treffend) mit: „Aber wer gerecht ist, bleibt wegen der eigenen Treue am Leben“. Und sie übersetzt die Paulus-Stelle ebenso treffend mit: „Gerecht ist, wer aus dem Vertrauen lebt“. – Das Problem ist nur: Eigentlich ist hier nicht mehr erkennbar, dass es sich dabei in Wirklichkeit um den gleichen Text handelt.
Und das führt uns wieder zurück zur Ausgangsfrage. Was ist wichtiger, sichtbar zu machen: Die Kontinuität – oder die Bruchlinie? Ich denke, diese Frage lässt sich nicht einfach mit „entweder – oder“ beantworten, sondern sie muss – um der Sache willen! – stets in Balance gehalten werden.
Amen.

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